Jedes Jahr erleiden etwa 200.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall, und die meisten von ihnen haben noch lange Zeit danach mit den Folgen zu kämpfen. Etwa 10 % dieser Menschen leiden unter Gesichtsfeldausfällen (z.B. Hemianopsie oder visueller Neglect),die zu einem verminderten Sehvermögen führen. Führen diese zu einer Verringerung des Winkelbereichs auf weniger als 120 Grad, kann mehr als die Hälfte des Gesichtsfelds nicht mehr wahrgenommen werden. Das Autofahren ist dann eine Gefahr für den Straßenverkehr und nicht mehr erlaubt. In manchen Fällen ist das Autofahren aber auch mit Hemianopsie noch möglich oder kann wieder erlaubt werden, wenn sich das Gesichtsfeld wieder verbessert, z.B. mit Unterstützung von Sakkadentraining. Wir erklären hier, was Sie selbst tun können, um Ihre Situation zu verbessern.

➤ Darf man mit einer Gesichtsfeldstörung noch Auto fahren?

Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es leider nicht, denn:

  • Autofahren ist ein komplexes Thema

  • Gesetze unterscheiden sich oft von Land zu Land

  • Jede Einschränkung ist individuell

Wir raten Ihnen daher, zunächst mit einer medizinischen Fachkraft zu sprechen, um Ihre individuelle Situation zu klären und alle offenen Fragen zu beantworten.

Meine Erfahrung als Ergotherapeut: Autofahren dank Hemianopsie-Therapie

In meiner langjährigen Tätigkeit als Ergotherapeutin habe ich immer wieder mit Menschen gearbeitet, die an Hemianopsie litten. Die häufigste Ursache war ein Schlaganfall, aber es gab auch Einzelfälle, bei denen ein visueller Neglect auftrat.

Gerade die Tatsache, dass sie mit dieser Einschränkung nicht mehr Auto fahren dürfen, hat viele beunruhigt. Dabei geht es oft weniger um die Schwierigkeit, von A nach B zu kommen, sondern vielmehr um den Verlust an Flexibilität, Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit, der für viele mit einem Fahrverbot einhergeht. Gerade für ältere Menschen stellt diese Sehbehinderung oft eine große Einschränkung ihrer Unabhängigkeit dar.

Als Therapeutin möchte ich keine falschen Erwartungen wecken, aber gleichzeitig die Betroffenen motivieren, möglichst beharrlich an ihrer Rehabilitation zu arbeiten. Denn die Wiedererlangung der Fahrtauglichkeit ist aufgrund gesetzlicher Vorschriften oft schwierig, aber das Gesichtsfeldtraining kann in einigen Fällen helfen. Gerade Menschen mit leichten Störungen haben es bei mir geschafft, unter anderem auch durch regelmäßiges Sakkadentraining, ihren Führerschein wiederzuerlangen.

Mein Rat: realistisch bleiben & an den Trainingseinheiten festhalten.

Bei einer Führerscheinprüfung wird das Gesichtsfeld mit der Perimetrie gemessen. Bei diesem Sehtest dürfen die Augen nicht bewegt werden. Beim kompensatorischen Gesichtsfeldtraining werden jedoch genau diese Augenbewegungen trainiert. Oft bemerken die Patienten durch dieses Training eine Verbesserung ihrer Sehleistung im Alltag, bestehen aber trotzdem nicht die Fahrprüfung.

Das Ergebnis ist, dass viele Schlaganfallpatienten nach einer Hemianopsie-Therapie zwar souverän im Alltag zurechtkommen, aber dennoch oft nicht Auto fahren dürfen. Selbst wer sein Gesichtsfeldausfalltraining regelmäßig absolviert, sollte daher auf schlechte Nachrichten vorbereitet sein. Ich rate Ihnen daher, sich im Vorfeld zu fragen, ob Ihnen das Autofahren wirklich so wichtig ist, wie es scheint oder ob das Risiko, andere Menschen im Straßenverkehr zu verletzen, vielleicht zu groß ist.

➤ Mein Tipp vor Beginn der Hemianopsie-Therapie:

  • Die Notwendigkeit des Autos ehrlich einschätzen

  • Fahrtauglichkeit feststellen

  • Realistisch bleiben

Meine Empfehlung: der Sakkadentrainer bei Hemianopsie

Ein Patentrezept für die Wiedererlangung der Fahrtüchtigkeit nach einem Schlaganfall gibt es leider nicht. Vielen Menschen gelingt es auch nach regelmäßigem, umfangreichem Training nicht, wieder Auto zu fahren. Die größten Erfolge habe ich persönlich jedoch bei der Anwendung des Sakkadentrainers beobachtet. Denn dieses innovative Augentraining mit Eye-Tracking kann individuell an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden und so gezielt das Blickfeld und auch die Reaktion verbessern. Abwechslungsreiche Übungen sowie die Möglichkeit, den Fortschritt direkt zu verfolgen, sorgen für mehr Spaß und dafür, dass der Betroffene langfristig am Ball bleibt. Als erfahrene Ergotherapeutin bin ich daher der Meinung, dass das Sakkadentraining eine Chance ist, den Führerschein wiederzuerlangen.